Zwischen Zumutung und Zugewinn

Im Arbeitsalltag bemerkt man schnell, was funktioniert, aber nicht unbedingt, was es kostet. Hinter jeder ruhigen Fassade kann ein unsichtbarer Kampf liegen, bei dem es darum geht, Reize auszuhalten, Kommunikation zu deuten und Erwartungen zu erfüllen. Unsichtbarkeit wird so zum Überlebensprinzip und manchmal auch zum Missverständnis. Besonders für autistische Menschen liegt in dieser Unsichtbarkeit eine paradoxe Dynamik. Je besser die Anpassung ans Außen gelingt, umso weniger wird sie gesehen und desto schneller entsteht der Eindruck, es gäbe gar nichts, das Rücksicht erfordert.

Der taktile Sinn

Der taktile Sinn ist ein etwas widersprüchlicher Gefährte. Für mich liegt hier zwischen Zuviel und Zuwenig nur ein schmaler Grat. Manche Berührungen überfordern und andere werden bewusst gesucht. Eine Umarmung kann zu viel sein, während das Gewicht einer Decke, der Druck eines Haustiers auf dem Schoß oder die Begrenzung einer Kapuze eher Trost spenden. Diese Ambivalenz prägt den Alltag stärker, als man es von außen vermuten würde. Sie bestimmt, wie Nähe erlebt, Kleidung gewählt oder Räume betreten werden.

Zwischen Ordnung und Missverständnis

Es gibt Situationen, die von außen harmlos und banal wirken, aber im Inneren ganze Gräben aufreißen können. Ein kleiner Satz, ein kurzer Blick – und zack, plötzlich fühlt sich jemand kritisiert, verletzt oder vielleicht sogar zurückgewiesen. Dabei war nichts davon beabsichtigt. Es war nur ein Nachfragen, ein Nachordnen, ein Versuch, das eigene Bild der Wirklichkeit zu korrigieren und zu vervollständigen.

Für mich sind solche Momente vertraut und sie zeigen sich häufig in ganz alltäglichem Gewand. Man stelle sich vor, jemand stellt einen Teller Apfelkuchen auf den Tisch und statt eines Danks formt sich ein anderer Gedanke in Worte. Nämlich: „Oh. Ich dachte, es sollte Käsekuchen geben.“ Für das Gegenüber mag das wie Enttäuschung, Undankbarkeit oder fast wie ein Vorwurf klingen. Schließlich hat man immerhin überhaupt gebacken, sich Mühe gegeben und wollte Freude schenken. Doch im Kopf der autistischen Person passiert etwas gänzlich anderes. Es geht in keinster Weise um Kritik am Kuchen. Es geht um die Diskrepanz zwischen Erwartung und Realität, die sich wie ein kleiner Riss in der Ordnung anfühlt.

Statt Erleichterung folgt Schwere

Eine Diagnose verspricht doch irgendwie zunächst Erleichterung. Man geht davon aus, dass endlich das Ungesagte verständlich wird. Endlich gibt es eine Sprache für das eigene Erleben und endlich hören die Zweifel auf. Mit der Diagnose kommt die Hoffnung, dass sich nun vieles sortiert, dass man aufatmen kann und dass die innere Zerrissenheit einer stabileren Selbstwahrnehmung weicht.

Man hofft vielleicht, dass man sich ab sofort besser erklären kann. Man rechnet damit, dass die Diagnose vielleicht auch gesellschaftliche Türen öffnet, zu mehr Verständnis, passenderen Unterstützungen und einem Alltag, der weniger anstrengend sein muss.

Hyperfixierung & Hyperfokus

Es gibt Zustände des Geistes, die schwer in Worte zu fassen sind, weil sie sich jeder gewöhnlichen Erfahrung entziehen. Sie nehmen Besitz von der Aufmerksamkeit, ordnen die Wahrnehmung neu und verschieben das Maß dessen, was möglich scheint. Wer sie kennt, weiß um ihre eigentümliche Schönheit und zugleich um ihre zerstörerische Macht. Von außen erscheinen sie oft wie bloße Leidenschaft oder wie übersteigerte Konzentration, doch in Wahrheit sind sie mehr. Es ist eine eigene Form, in der das Denken lebt. Zwei Begriffe tauchen hier besonders auf, Hyperfokus und Hyperfixierung. Sie werden oft verwechselt und doch haben sie trotz ihrer Überschneidungen unterschiedliche Qualitäten, die sich vermutlich nur im Erleben wirklich begreifen lassen.

Stimming – kein Fehler, sondern Ausdruck

Stimming – ein Wort, das für viele außerhalb des Autismus-Spektrums unbekannt ist und doch eine ziemlich menschliche Realität beschreibt. Der Ursprung des Wortes liegt in der Begrifflichkeit „self-stimulatory behavior“ – oder auch ganz ohne phonetischen Stolperstein: Selbststimulierendes Verhalten. Gemeint sind damit in der Regel Bewegungen oder Geräusche, die sich wiederholen. Dies kann sich z.B. in rhythmischem Wippen, das Drehen eines Gegenstands, das Schaukeln des Körpers oder das Summen bestimmter Laute ausdrücken. Für viele Menschen im Autismus-Spektrum ist Stimming eine zentrale Form der Selbstregulation. Es ist ein Weg, mit Reizüberflutung, Anspannung, Stress oder intensiven Gefühlen umzugehen.

Die Rede von der „Autismus-Epidemie“

Wer aktuelle Nachrichten verfolgt, stolpert vielleicht früher oder später über eine bestimmte Schlagzeile aus den USA. Es sind Aussagen, die wie dunkle Gewitterwolken in der Luft hängen, irgendwie schwer und beunruhigend. Die Rede ist von einer angeblichen „Epidemie“ des Autismus und davon, dass die Ursachen gefunden und beseitigt werden müssten. Es klingt nach einem grimmigen Versprechen, nach Wahrheitssuche, nach Rettung – oder nach einer Drohung. Unter diesem Klang liegt ein Abgrund. Denn was bedeutet es, wenn Autismus nicht mehr als eine Form der menschlichen Artenvielfalt betrachtet wird, nicht mehr als natürliche Facette, sondern als Krise. Und als ein Problem, das aus der Welt geschafft werden soll.

Warum viele Diagnosen bei Frauen und Mädchen übersehen werden

Es scheint eine unsichtbare Grenze in der Medizin zu geben, die man nicht so recht in Lehrbüchern findet und über die auch kaum einer gerne spricht. Sie verläuft nicht zwischen den unterschiedlichen Disziplinen oder Symptomen, sondern zwischen den Geschlechtern. Dort, wo Frauen und Mädchen anfangen, anders zu erscheinen, leiser oder abweichend von der Norm, beginnt das große Übersehen. Besonders deutlich zeigt sich dies beim Autismus. Eine Diagnose, die bei Männern häufiger gestellt wird und bei Frauen oft jahrelang im Verborgenen bleibt.

Zwischen Nähe und Distanz

Es gibt vermutlich in jeder Partnerschaft eine Art unsichtbare Abstandshalter, die den Punkt definieren, an dem sich die beiden jeweiligen Tanzbereiche treffen. Linien, die Nähe ermöglichen und zugleich den nötigen Abstand markieren. Manchmal sind sie luftig-zart und manchmal schwer wie Mauern. Und oft verschieben sie sich unmerklich, von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde.

Nähe. Das ist diese Sehnsucht nach Geborgenheit, Vertrautheit, nach dem Gefühl, dass jemand da ist, eine Schulter zum Anlehnen und ein Herz zum Wärmen. Es ist der Moment, in dem man abends nebeneinander auf dem Sofa sitzt und der Tag endlich leiser wird. Das Bedürfnis, die eigene Verletzlichkeit in sicheren Händen zu wissen. Der vielbesagte Blick, der mehr ausspricht, als viele Worte es vermögen könnten. Und eine Hand, die die eigene im Dunkeln findet.

Behinderung -ein Wort zwischen Sichtbarkeit und Schweigen

Es gibt Wörter, die tragen eine sonderbare Schwere in sich, die größer scheint als ihre Silben. ‚Behinderung‘ gehört wohl dazu. Es gab etliche Situationen, in denen sich der Raum veränderte, sobald es fiel. Ein kurzes Stocken des Gesprächs, ein Blick wandert etwas betreten zur Seite und gar nicht so selten schiebt sich unmittelbar ein etwas gefälligerer Ersatz hinterher. Also Begriffe wie „Einschränkung“. „Handicap“. Oder „Besondere Bedürfnisse“. Als wäre es nötig, das eine zu verkleiden, um das andere sagbarer zu machen. Doch was geschieht, wenn wir das Wort ‚Behinderung‘ meiden?