Darf man das sagen?
Behinderung - ein Wort zwischen Sichtbarkeit und Schweigen
Es gibt Wörter, die tragen eine sonderbare Schwere in sich, die größer scheint als ihre Silben. ‚Behinderung‘ gehört wohl dazu. Es gab etliche Situationen, in denen sich der Raum veränderte, sobald es fiel. Ein kurzes Stocken des Gesprächs, ein Blick wandert etwas betreten zur Seite und gar nicht so selten schiebt sich unmittelbar ein etwas gefälligerer Ersatz hinterher. Also Begriffe wie „Einschränkung“. „Handicap“. Oder „Besondere Bedürfnisse“. Als wäre es nötig, das eine zu verkleiden, um das andere sagbarer zu machen. Doch was geschieht, wenn wir das Wort ‚Behinderung‘ meiden?
Unser heutiges Sprachverständnis hat sich verändert. Und es ist auch absolut begrüßenswert und notwendig, zu hinterfragen, ob die Verwendung bestimmter Begrifflichkeiten jemals angebracht war und diese zukünftig dauerhaft aus unserem Wortschatz zu streichen. Sprache gilt allgemein hin nicht als neutral. Sie dient mehr als der bloßen Beschreibung und gestaltet Wirklichkeit. Wer dem Wort ‚Behinderung‘ ausweicht, möchte vermutlich in der Regel Rücksicht nehmen, etwas milder klingen, respektvoll sein. Dem Wort selbst haftet ein Hauch Diskriminierung an. Doch genau darin liegt auch eine Gefahr, wenn wir das, worum es eigentlich geht, weichzeichnen, bis es fast unsichtbar wird. Behinderung ist nicht nur ein Defizit, das man höflich umschreiben muss. Behinderung ist eine gesellschaftliche Realität, die nicht verschwindet, nur weil wir sie umtaufen.
Das Zusammenspiel mit der Umwelt
Die Soziologie unterscheidet zwischen „Impairment“, also der individuellen Beeinträchtigung und „Disability“, der gesellschaftlichen Behinderung. Diese Unterscheidung macht sichtbar, dass es nicht nur um die Einschränkung im Körper oder Geist geht, die eine Behinderung ausmacht, sondern auch um das Zusammenspiel mit einer Umwelt, die nicht mitdenkt, nicht mitbaut und nicht mitgestaltet. Ein Mensch, der nicht hören kann, ist in einer Welt mit Untertiteln nicht mehr „disabled“, sondern Teilhabe wird selbstverständlich. Behinderung entsteht dort, wo Teilhabe nicht möglich gemacht wird.
Und hier liegt doch der Kern von Inklusion. Sie ist kein Gefallen, den die Mehrheit den „anderen“ tut, sondern ein Maßstab für die Menschlichkeit einer Gesellschaft. Inklusion heißt nicht, am Rand eines Gebäudes eine Rampe hinzuzufügen, sondern die Architektur von vornherein so zu denken, dass der Rand gar nicht erst entsteht. Es bedeutet, das Wort „alle“ ernst zu nehmen, wenn wir es verwenden. Alle Kinder, alle Mitarbeitenden, alle Bürgerinnen und Bürger.
Sichtbarkeit als Gültigkeitsmerkmal
Ein weiteres Problem mag darin liegen, dass viele mit dem Begriff sofort ein fest definiertes Bild im Kopf haben. ‚Behindert‘ – das sind in der Vorstellung Menschen im Rollstuhl, Menschen mit Down Syndrom und Menschen, deren Beeinträchtigung auf den ersten Blick erkennbar ist. Wer nicht diesem Bild entspricht, gerät schnell ins Zwielicht und wird hinterfragt. Oder, wie es mir selbst einmal gesagt wurde: „Du bist ja jetzt nicht plötzlich schwerbehindert, nur weil Du eine Diagnose hast.“ Dieser Satz legt offen, wie tief die Gleichsetzung von Behinderung und Sichtbarkeit in unserer Kultur verankert ist.
Behinderung ist nicht immer sicht- und erkennbar. Sie wohnt auch in unsichtbaren Räumen und äußert sich z.B. in dem Unvermögen, den Pflichten, Belastungen und Aufgaben seines Alltag standzuhalten, in der lähmenden Erschöpfung nach sozialen Interaktionen oder in Schmerzen, die äußerlich unerkennbar sind, aber dennoch tagtäglich die eigene Lebensrealität bestimmen. Noch stärker als in Körper und Geist zeigt sie sich in der Vielfalt der Mauern, die von außen gebaut werden. Barrieren entstehen nicht nur auf Treppenstufen und Formularen, sondern auch in Erwartungen, Vorurteilen und Unverständnis.
Behinderung ist kein Makelwort
Es ist ein politisches Wort. Es verweist auf Strukturen, auf Machtverhältnisse und auf Verantwortung. Wer von ‚Einschränkung‘ spricht, verschiebt die Last in die betroffene Person. Wer von ‚Behinderung‘ spricht, macht sichtbar, dass diese Last auch weiterhin von einer Gesellschaft geteilt werden muss, die Teilhabe entweder möglich oder unmöglich macht.
Und dennoch schleicht weiterhin oft ein Unbehagen mit. Man spürt es in den Gesprächen, wenn Menschen das Wort ‚Behinderung‘ nicht aussprechen wollen. Vielleicht, weil es mit Scham aufgeladen ist. Vielleicht, weil man nicht verletzen möchte. Doch paradoxerweise macht genau dieses Schweigen das Empfinden doch letztlich schlimmer und schambehafteter. Als wäre es etwas, dessen Name nicht genannt werden darf. Wenn wir das Wort nicht sagen, wie sollen wir dann über die Erfahrungen sprechen, die damit verbunden sind? Wer Behinderung umschreibt, tut oft so, als ginge es darum, eine Unannehmlichkeit diskret zu verschleiern. Dabei geht es doch eigentlich um ein Recht auf Sichtbarkeit und um ein Recht darauf, die Realität beim Namen zu nennen.
Solange der Begriff mit Scham und Unsicherheit umkreist wird, bleibt auch die Realität der Betroffenen halb verborgen, schambehaftet und unsicher. Um Behinderungen aus der Ecke der Abwertung und ins Licht der Selbstverständlichkeiten zu stellen, lohnt sich das offene Darübersprechen ohne Ausweichbewegungen. Behinderung gehört letztlich zum Menschsein wie Vielfalt, Alter und Unterschiedlichkeit. Sie ist kein unangenehmer Fremdkörper, sondern Teil unserer Gesellschaft. Sie sagt nichts darüber, ob ein Leben wertvoll ist, sondern nur darüber, welche Hürden noch nicht abgebaut sind. Und solange wir sie beim Namen nennen, können wir sie auch abbauen.
Ein Wort in eigener Sache
Dieser Text ist meine persönliche Haltung und keine allgemeingültige Wahrheit. Er spiegelt meine Erfahrungen, meine Fragen und meine Sprache wider. Andere Menschen, ob im Spektrum oder nicht, ob mit oder ohne Behinderung, werden manches vielleicht ähnlich empfinden – und anderes vielleicht völlig anders sehen.
Es gibt nicht die richtige Sichtweise, sondern viele Stimmen, die nebeneinander existieren dürfen. Manche bevorzugen andere Begriffe, manche deuten Erfahrungen anders und manche lehnen ab, was für andere wichtig ist.
All das hat Platz.
Ich lade Dich ein, meine Gedanken als einen Impuls zu lesen und nicht als Definition. Und vielleicht entsteht daraus ein Dialog, in dem verschiedene Erfahrungen nebeneinander bestehen dürfen, ohne sich gegenseitig auszuschließen.