Zwischen Zumutung und Zugewinn

Im Arbeitsalltag bemerkt man schnell, was funktioniert, aber nicht unbedingt, was es kostet. Hinter jeder ruhigen Fassade kann ein unsichtbarer Kampf liegen, bei dem es darum geht, Reize auszuhalten, Kommunikation zu deuten und Erwartungen zu erfüllen. Unsichtbarkeit wird so zum Überlebensprinzip und manchmal auch zum Missverständnis. Besonders für autistische Menschen liegt in dieser Unsichtbarkeit eine paradoxe Dynamik. Je besser die Anpassung ans Außen gelingt, umso weniger wird sie gesehen und desto schneller entsteht der Eindruck, es gäbe gar nichts, das Rücksicht erfordert.

Statt Erleichterung folgt Schwere

Eine Diagnose verspricht doch irgendwie zunächst Erleichterung. Man geht davon aus, dass endlich das Ungesagte verständlich wird. Endlich gibt es eine Sprache für das eigene Erleben und endlich hören die Zweifel auf. Mit der Diagnose kommt die Hoffnung, dass sich nun vieles sortiert, dass man aufatmen kann und dass die innere Zerrissenheit einer stabileren Selbstwahrnehmung weicht.

Man hofft vielleicht, dass man sich ab sofort besser erklären kann. Man rechnet damit, dass die Diagnose vielleicht auch gesellschaftliche Türen öffnet, zu mehr Verständnis, passenderen Unterstützungen und einem Alltag, der weniger anstrengend sein muss.

Stimming – kein Fehler, sondern Ausdruck

Stimming – ein Wort, das für viele außerhalb des Autismus-Spektrums unbekannt ist und doch eine ziemlich menschliche Realität beschreibt. Der Ursprung des Wortes liegt in der Begrifflichkeit „self-stimulatory behavior“ – oder auch ganz ohne phonetischen Stolperstein: Selbststimulierendes Verhalten. Gemeint sind damit in der Regel Bewegungen oder Geräusche, die sich wiederholen. Dies kann sich z.B. in rhythmischem Wippen, das Drehen eines Gegenstands, das Schaukeln des Körpers oder das Summen bestimmter Laute ausdrücken. Für viele Menschen im Autismus-Spektrum ist Stimming eine zentrale Form der Selbstregulation. Es ist ein Weg, mit Reizüberflutung, Anspannung, Stress oder intensiven Gefühlen umzugehen.

Die Rede von der „Autismus-Epidemie“

Wer aktuelle Nachrichten verfolgt, stolpert vielleicht früher oder später über eine bestimmte Schlagzeile aus den USA. Es sind Aussagen, die wie dunkle Gewitterwolken in der Luft hängen, irgendwie schwer und beunruhigend. Die Rede ist von einer angeblichen „Epidemie“ des Autismus und davon, dass die Ursachen gefunden und beseitigt werden müssten. Es klingt nach einem grimmigen Versprechen, nach Wahrheitssuche, nach Rettung – oder nach einer Drohung. Unter diesem Klang liegt ein Abgrund. Denn was bedeutet es, wenn Autismus nicht mehr als eine Form der menschlichen Artenvielfalt betrachtet wird, nicht mehr als natürliche Facette, sondern als Krise. Und als ein Problem, das aus der Welt geschafft werden soll.

Warum viele Diagnosen bei Frauen und Mädchen übersehen werden

Es scheint eine unsichtbare Grenze in der Medizin zu geben, die man nicht so recht in Lehrbüchern findet und über die auch kaum einer gerne spricht. Sie verläuft nicht zwischen den unterschiedlichen Disziplinen oder Symptomen, sondern zwischen den Geschlechtern. Dort, wo Frauen und Mädchen anfangen, anders zu erscheinen, leiser oder abweichend von der Norm, beginnt das große Übersehen. Besonders deutlich zeigt sich dies beim Autismus. Eine Diagnose, die bei Männern häufiger gestellt wird und bei Frauen oft jahrelang im Verborgenen bleibt.

Behinderung -ein Wort zwischen Sichtbarkeit und Schweigen

Es gibt Wörter, die tragen eine sonderbare Schwere in sich, die größer scheint als ihre Silben. ‚Behinderung‘ gehört wohl dazu. Es gab etliche Situationen, in denen sich der Raum veränderte, sobald es fiel. Ein kurzes Stocken des Gesprächs, ein Blick wandert etwas betreten zur Seite und gar nicht so selten schiebt sich unmittelbar ein etwas gefälligerer Ersatz hinterher. Also Begriffe wie „Einschränkung“. „Handicap“. Oder „Besondere Bedürfnisse“. Als wäre es nötig, das eine zu verkleiden, um das andere sagbarer zu machen. Doch was geschieht, wenn wir das Wort ‚Behinderung‘ meiden?

Internalisiertes Schweigen – über Ableismus im eigenen Kopf

Es gibt eine merkwürdige Diskrepanz, die vielen Menschen mit Behinderungen vertraut ist. Man lebt mit Einschränkungen, die den Alltag bestimmen, manchmal sogar unübersehbar sind und dennoch liegt der erste Zweifel fast immer bei einem selbst. Nicht bei der Umwelt, die Barrieren baut, sondern bei der eigenen Legitimität, überhaupt Schwierigkeiten haben zu dürfen.

Ableismus bezeichnet im gesellschaftlichen Kontext die Erwartung, dass nur der „voll funktionierende“ Körper und das „reibungslos arbeitende“ Geh