Reizregulation -
Der taktile Sinn
Die Sprache der Haut - Über Berührung und Autismus
Der taktile Sinn ist ein etwas widersprüchlicher Gefährte. Für mich liegt hier zwischen Zuviel und Zuwenig nur ein schmaler Grat. Manche Berührungen überfordern und andere werden bewusst gesucht. Eine Umarmung kann zu viel sein, während das Gewicht einer Decke, der Druck eines Haustiers auf dem Schoß oder die Begrenzung einer Kapuze eher Trost spenden. Diese Ambivalenz prägt den Alltag stärker, als man es von außen vermuten würde. Sie bestimmt, wie Nähe erlebt, Kleidung gewählt oder Räume betreten werden.
Es gibt Tage, an denen schon die Hose auf der Haut wie Schmirgelpapier wirkt. Der harte Stoff reibt an den Oberschenkeln, ein winziges Etikett sticht ins Kreuz und mit jeder Bewegung scheint der Fokus auf diese Empfindungen zu wachsen, bis es alles andere überlagert. Ich werde nie verstehen können, warum Menschen freiwillig schwarze Jeanshosen tragen, die einem sensorischen Albtraum gleichen. In solchen Momenten ist der Körper nicht mehr gemütliches Zuhause, sondern eher Brennpunkt, an dem sich Reiz und Widerstand begegnen. Kleidung, die anderen kaum bewusst auffällt, wird dann zum inneren Zwiegespräch zwischen Aushalten und Ertragen.
Doch nicht nur Kleidung ist ein Brennpunkt
Ähnlich verhält es sich auch mit den eigenen Haaren. Lose Strähnen im Gesicht, einzelne Haare, die unsichtbar am Lippenbalsam kleben, Wind, der sie in alle Richtungen weht oder aufgestaute Wärme im Nacken im Sommer. Das klingt schrecklich. Und das ist es auch.
Noch deutlicher spürbar wird dieser Konflikt bei Berührungen zwischen Menschen. Eine Umarmung, die liebevoll gemeint ist, kann sich für das autistische Nervensystem wie ein Übergriff anfühlen. Nicht, weil Zuneigung grundsätzlich unerwünscht wäre, sondern weil die Intensität, der Druck, die Wärme, die Unvorhersehbarkeit oder die spürbare Energie des anderen zu viel auf einmal werden. Es ist manchmal auch nicht der Körperkontakt selbst, der schwerfällt, sondern das „Nicht-Wissen“ – wann, wie fest, wie lange, wie nah. Ein Moment der Nähe kann sich so ungewollt in ein Zuviel verwandeln.
Auch Temperatur gehört zu diesen Antagonisten. Was andere als „angenehm warm“ empfinden, kann überwältigend sein, stickig, fast erdrückend. Für jemanden, der bereits von Haus aus auf einer eher höheren Betriebstemperatur läuft, ist Sommerhitze zum Beispiel nicht einfach nur lästig. Sondern fast schon gewalttätig. Hier ist es nicht nur die Temperatur selbst, sondern auch das Körpergefühl verändert sich. Wenn alles klebt, sich schwitzig anfühlt, Sonnenmilch einen Film auf der Haut bildet und sich Sand wie Paniermehl an jede feuchte Stelle heftet, wird der eigene Körper zur Reizquelle. Jede Bewegung reibt und jede Berührung verstärkt das Unbehagen. Was für andere ein schöner Sommertag ist, kann für autistische Menschen zur Ausnahmesituation werden. Die Grenzen zwischen Wohlgefühl und Überforderung liegen manchmal in winzigen Nuancen. Autistische Körper reagieren nicht empfindlicher im Sinne von „schwächer“, sondern eher im Sinne von „präziser“. Sie nehmen Details wahr, die anderen entgehen. Und genau das macht den Alltag zugleich reichhaltig aber manchmal auch verdammt anstrengend.
Die Kehrseite der Medaille
Doch es gibt auch die andere Seite, nämlich das gezielte Suchen von Reiz, Gewicht, Druck. Manchmal ist es das Einsinken in einen schweren Sessel oder das gleichmäßige Gewicht einer Tasche, die quer über dem Körper liegt. All das kann beruhigen, ordnen, Grenzen spürbar machen, wo sonst vieles diffus bleibt. Manche finden Halt in enger Kleidung oder in vertrauten Materialien, weil sie die eigene Körpergrenze definieren und sie buchstäblich spürbar machen. Andere suchen diese Rückkopplung auf andere Weise, z.B. durch den Druck einer Wärmflasche im Rücken, das Liegen auf dem Boden, das Einwickeln in eine Decke oder das rhythmische Wiegen des eigenen Körpers. Auch Bewegung kann zu einer Form von Berührung werden, wenn Luft auf die Haut trifft oder die Muskeln einen gleichmäßigen Widerstand erfahren.
Manche Autist:innen tragen über mehrere Tage hinweg dieselbe Kleidung. Dies ist aber nicht ausschließlich aus Nachlässigkeit, sondern weil das vertraute Gewebe, der bekannte Sitz und die vorhersehbare Haptik Sicherheit bieten. Ein einmal akzeptiertes Kleidungsstück wird zu einer Art sensorischem Safe Space und die Berührung wird dann nicht als Invasion erlebt, sondern als Rückkehr in ein bekanntes Gefühl.
In einer Gesellschaft, die Komfort oft mit „sich gehen lassen“ verwechselt, braucht es vielleicht etwas Mut, Bequemlichkeit als legitime Form von Selbstfürsorge anzuerkennen. Karl Lagerfeld soll einst gesagt haben, wer Jogginghosen trage, habe die Kontrolle über sein Leben verloren – ein Satz, der vielen als bekanntestes Zitat im Gedächtnis blieb. Die jüngere Generation mag das inzwischen gelassener sehen, doch für manch einen ist das Zulassen von weicher, bequemer Kleidung ein bewusster Akt der Befreiung. Es ist ein stilles Aufbegehren gegen das strenge Ideal von Disziplin, Modeanspruch und Anpassung. Denn was nach außen wie Schludrigkeit aussieht, ist im Inneren oft eine Form von Selbstschutz. Und damit paradoxerweise ein Ausdruck von Kontrolle. Lass Dir das gesagt sein, Karl.
Wer tief spürt, fühlt auch die Schönheit tief
Wo Berührung zur Herausforderung werden kann, liegt auch ihre besondere Stärke. Manche autistische Menschen erleben sinnliche Eindrücke nicht nur intensiver, sondern auch tiefer. Eine Hand, die sich beim Autofahren aus dem Fenster in den Fahrtwind streckt, spürt nicht einfach nur schnöde Luft, sondern Geschwindigkeit, Richtung, Temperatur, Bewegung. Das Streichen über glatte Oberflächen, über Samt, Fell oder Blätter. Warmes Wasser, das die Haut umhüllt, wird nicht bloß als angenehm empfunden, sondern als etwas Ganzes, das trägt, einhüllt, ordnet und einen auf kuriose Art im wahrsten Sinne berührt.
Solche Momente sind nicht zufällig. Sie sind vielmehr Teil derselben sensorischen Empfindlichkeit, die auch Überforderung hervorrufen kann. Nur dass sie hier, im richtigen Maß, in der richtigen Umgebung, zu einer Form von Verbundenheit und sensorischer Schönheit werden.
Die bewusste Gestaltung von taktilen Reizen
Reizregulation bedeutet in diesem Zusammenhang nicht, jede Berührung zu vermeiden, sondern sie bewusst zu gestalten. Es heißt, den Kontakt mit der Welt zu dosieren, vorhersehbar zu machen und in eine Form zu bringen, die erträglich bleibt. Das kann bedeuten, Materialien gezielt zu wählen, Kleidung sorgfältig abzustimmen und bestimmte Texturen zu meiden oder zu bevorzugen. Es ist ein stilles Feintuning, das nach außen unsichtbar bleibt, aber über Teilhabe und Rückzug entscheidet.
Ein Pullover, eine Umarmung, ein Windstoß, alles kann Bedeutung tragen. Für autistische Menschen ist die Frage nicht, ob sie zu viel fühlen, sondern wie sie das Fühlen in Bahnen lenken können, die nicht schmerzen. Reizregulation heißt in diesem Sinne, die eigenen Grenzen ernst zu nehmen, ohne sich von ihnen trennen zu müssen. Sie ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Akt der Selbstwahrnehmung.