Der taktile Sinn

Der taktile Sinn ist ein etwas widersprüchlicher Gefährte. Für mich liegt hier zwischen Zuviel und Zuwenig nur ein schmaler Grat. Manche Berührungen überfordern und andere werden bewusst gesucht. Eine Umarmung kann zu viel sein, während das Gewicht einer Decke, der Druck eines Haustiers auf dem Schoß oder die Begrenzung einer Kapuze eher Trost spenden. Diese Ambivalenz prägt den Alltag stärker, als man es von außen vermuten würde. Sie bestimmt, wie Nähe erlebt, Kleidung gewählt oder Räume betreten werden.

Hyperfixierung & Hyperfokus

Es gibt Zustände des Geistes, die schwer in Worte zu fassen sind, weil sie sich jeder gewöhnlichen Erfahrung entziehen. Sie nehmen Besitz von der Aufmerksamkeit, ordnen die Wahrnehmung neu und verschieben das Maß dessen, was möglich scheint. Wer sie kennt, weiß um ihre eigentümliche Schönheit und zugleich um ihre zerstörerische Macht. Von außen erscheinen sie oft wie bloße Leidenschaft oder wie übersteigerte Konzentration, doch in Wahrheit sind sie mehr. Es ist eine eigene Form, in der das Denken lebt. Zwei Begriffe tauchen hier besonders auf, Hyperfokus und Hyperfixierung. Sie werden oft verwechselt und doch haben sie trotz ihrer Überschneidungen unterschiedliche Qualitäten, die sich vermutlich nur im Erleben wirklich begreifen lassen.

Stimming – kein Fehler, sondern Ausdruck

Stimming – ein Wort, das für viele außerhalb des Autismus-Spektrums unbekannt ist und doch eine ziemlich menschliche Realität beschreibt. Der Ursprung des Wortes liegt in der Begrifflichkeit „self-stimulatory behavior“ – oder auch ganz ohne phonetischen Stolperstein: Selbststimulierendes Verhalten. Gemeint sind damit in der Regel Bewegungen oder Geräusche, die sich wiederholen. Dies kann sich z.B. in rhythmischem Wippen, das Drehen eines Gegenstands, das Schaukeln des Körpers oder das Summen bestimmter Laute ausdrücken. Für viele Menschen im Autismus-Spektrum ist Stimming eine zentrale Form der Selbstregulation. Es ist ein Weg, mit Reizüberflutung, Anspannung, Stress oder intensiven Gefühlen umzugehen.

Autismus und Schlaf: Warum er oft gestört ist und was helfen kann

Schlafen ist großartig. Es ist dieses unscheinbare Reich jenseits der Wachheit, in dem sich Körper und Geist erholen sollen.
Für viele Menschen im Spektrum scheint dies jedoch kein verlässlicher Ort der Ruhe, sondern gleicht eher einem fragilen Konstrukt, das nur allzu vorschnell ins Wanken gerät. Während einige Menschen die Nacht wie eine klare Linie zwischen zwei Tagen erleben, bleibt sie für andere oft eine brüchige, durchlässige Tür, die sich nicht selbstverständlich schließen lässt. Also vielleicht doch eher sowas wie ein Vorhang im Türsturz. Lose und irgendwie fadenscheinig.