Autismus & Schlaf
Warum er oft gestört ist
Schlafen ist großartig. Es ist dieses unscheinbare Reich jenseits der Wachheit, in dem sich Körper und Geist erholen sollen.
Für viele Menschen im Spektrum scheint dies jedoch kein verlässlicher Ort der Ruhe, sondern gleicht eher einem fragilen Konstrukt, das nur allzu vorschnell ins Wanken gerät. Während einige Menschen die Nacht wie eine klare Linie zwischen zwei Tagen erleben, bleibt sie für andere oft eine brüchige, durchlässige Tür, die sich nicht selbstverständlich schließen lässt. Also vielleicht doch eher sowas wie ein Vorhang im Türsturz. Lose und irgendwie fadenscheinig.
Die Forschung spricht von erhöhter Prävalenz von Schlafstörungen im Autismus-Spektrum. Schwierigkeiten beim Einschlafen, häufiges nächtliches Erwachen, unruhige Träume oder ein Gefühl des „nicht erholt Aufwachens“. Verschiedene Theorien versuchen, diesen Umstand zu erklären. Es gibt Untersuchungen, die auf eine andere Regulation des Melatonins verweisen, jenes Hormons, das den Tag-Nacht-Rhythmus steuert. Der Anstieg am Abend kommt verspätet, die Ausschüttung insgesamt ist schwächer. Das bedeutet, dass Müdigkeit nicht selbstverständlich eintritt.
Man diskutiert die Übererregbarkeit des Nervensystems, das Schwierigkeiten hat, in einen Modus des Loslassens zu finden. Geräusche, die andere längst ausblenden, bleiben präsent. Ein leises Tropfen, ein Lichtschein durch die Vorhänge, eine kleine Missempfindung im Körper, ein plötzliches Jucken. All das kann reichen, um das System beschäftigt zu halten. Auch innere Reize können eine Rolle spielen. Gedankenketten, die nicht abreißen, Erinnerungen, die hochspülen, Szenen, die noch einmal durchlebt werden, Dialoge, die reproduziert werden, Skripte und ganze Drehbücher, die verfasst werden. Schlaf verlangt Hingabe und Loslassen. Doch Loslassen ist schwer, wenn die Welt in jedem Detail spürbar bleibt.
Und schließlich spielt noch ein psychologischer Aspekt hinein. Manchen haben seit Kindertagen gelernt, wach zu bleiben, aus Angst, etwas zu verpassen, vor Albträumen oder aus dem Drang, Kontrolle zu behalten. Wer im Alltag häufig von unvorhersehbaren Reizen überrollt wird , der hält die Nacht als einen Moment der Selbstbestimmung fest. Hier ist es still und hier kann man endlich tun, was man will. Meine persönlich allerliebste Tageszeit ist ganz früh morgens, wenn der Rest der Welt noch schläft.
So entsteht ein Paradox
Der Körper ist erschöpft, das Gehirn jedoch bleibt hellwach, als hätte es Angst, den Strom der Wahrnehmungen aus den Händen zu geben. Das Einschlafen wird zum inneren Kampf, ein mühseliges Abarbeiten von Gedanken, die einfach nicht still stehen wollen. Andere wiederum schlafen zwar umgehend ein wie ein Stein, erwachen aber schon nach wenigen Stunden.
Besonders quälend ist das Erwachen, wenn der Schlaf zwar äußerlich stattfand, aber innerlich irgendwie nicht ankam. Viele Menschen kennen dieses Aufstehen mit bleischwerem Körper und benebeltem Kopf, als hätten sie die Nacht eher durchgearbeitet als durchgeschlafen. Manchmal wirkt der Schlaf oberflächlich und fragmentiert. Dieses Nicht-Erholtsein verstärkt das Gefühl, dem Tag schon beim ersten Schritt hinterherzulaufen und führt dazu, dass jede Aufgabe und jede Begegnung mit der Welt schwerer wiegt, als sie müsste. Der Schlaf, der eigentlich ein Ort der Heilung sein sollte, bleibt ambivalent. Körperlich zwar vorhanden, aber seelisch unbefriedigend. Ein wenig wie das Essen auf der Black Pearl.
Hinzu kommt ein Aspekt, der in der klinischen Literatur zwar selten betont wird, aber in der Erfahrung von zentraler Bedeutung ist. Autistische Menschen scheinen ein erhöhtes Schlafbedürfnis zu haben. Die ständige Reizverarbeitung, das soziale Maskieren, die kognitive Dauerarbeit. All das führt zu einer tieferen Erschöpfung. Es gibt inzwischen Studien, die davon ausgehen, dass selbst für neurotypische Frauen sieben bis acht Stunden Schlaf eigentlich nicht ausreichen. Es ist nicht einfach nur eine Störung des Schlafes, sondern auch das Mehr-an-Schlaf, das gebraucht wird, ohne jedoch selbstverständlich verfügbar zu sein. Meine Diagnostikerin brachte es ganz gut auf den Punkt, als sie sagte, dass das autistische Gehirn schlicht mehr leisten muss. Und deshalb auch mehr Erholung braucht. Leider bleibt eben diese Erholung oft verwehrt. Manchmal sogar durch die eigene Limitierung, mit der man sich selbst verbietet, bereits um 18 Uhr ins Bett gehen zu dürfen. Denn das machen ja nur Kinder oder alte Leute..
Die Folgen sind gravierend
Schlafmangel verstärkt sensorische Empfindlichkeiten, verschärft Reizbarkeit und kann depressive Verstimmungen verstärken. Ein Teufelskreis entsteht, in dem das Nervensystem nie ganz zur Ruhe kommt und der Tag noch härter erscheint, weil die Nacht nicht genügend Schutz bot.
Die Möglichkeiten sind so vielfältig wie die Menschen im Spektrum selbst. Manche finden Halt in Ritualen. Feste Abläufe können helfen, immer gleiche Schritte, die eigene Konditionierung, die dem Gehirn „Schlafenszeit“ signalisiert. Ein Glas Wasser, das immer auf demselben Nachttisch steht. Das Schließen der Vorhänge in einer bestimmten Reihenfolge. Musik, die nicht so langweilig ist, dass sie zum Einschlafen zwingt, sondern den Übergang markiert.
Andere setzen auf sensorische Gestaltung. Es gibt spezielle Gewichtsdecken, die den Körper durch Druck erden. Hilfreich kann auch gedämpftes Licht sein, das die Reizflut reduziert. Zum Einschlafen helfen vielleicht vertraute Geräusche, die beruhigen, z.B. ein Ventilator, der gleichmäßig rauscht oder Regengeräusche, ASMR, Katzenschnurren oder Kinderhörbücher. Oder doch langweilige Musik. Vielleicht hilft es, den Abend bewusst zu verlangsamen, in dem das Bildschirmlicht gedimmt wird, körperliche Anspannung durch Dehnübungen oder warmes Duschen gelockert wird. Vielleicht kann man den Tag besser gedanklich abschließen, in dem man ein paar kurze Einträge in einem Notizbuch verfasst, um Sorgen oder Aufgaben von der Nacht zu trennen. Für manche mag es auch helfen, die Umgebung möglichst reizarm zu gestalten, um innere Unruhe zu vermeiden. Also Unordnung beseitigen, Kabel sortieren, blinkende LEDs abkleben, Kleidung für den nächsten Tag bereitlegen. Ich könnte niemals – also wirklich niemals – entspannt schlafen, wenn eine Kleiderschranktür aufsteht.
Und schließlich gibt es die professionelle Seite
Fachärztlich könnte geprüft werden, ob Schlafstörungen durch Begleiterkrankungen wie Angstzustände, Depressionen oder auch körperliche Ursachen (z. B. Hormone, Schilddrüse, Schlafapnoe) verstärkt werden. Manche profitieren von einer ärztlich begleiteten, medikamentösen Therapie, andere von Schlaftrainings oder verhaltenstherapeutischen Ansätzen.
Was hilft, muss in individuellen Abstimmungen gefunden werden, so wie jeder autistische Mensch auch sonst seine eigenen Wege des Überlebens erlernt hat. Schlaf ist kein Luxus, sondern ein inneres Fundament. Vielleicht bleibt dieses Fundament für Autist:innen immer ein zarter Ort. Nie ganz selbstverständlich, nie ganz kontrollierbar. Aber in der Besonderheit liegt auch ein kleiner Trost. Zu verstehen, dass es keine Schwäche ist, müde zu sein. Und das Schlafen eben weiterhin auch einfach großartig ist.