Die Rede von der
„Autismus-Epidemie“
... und ihre Wirklichkeit
Wer aktuelle Nachrichten verfolgt, stolpert vielleicht früher oder später über eine bestimmte Schlagzeile aus den USA. Es sind Aussagen, die wie dunkle Gewitterwolken in der Luft hängen, irgendwie schwer und beunruhigend. Die Rede ist von einer angeblichen „Epidemie“ des Autismus und davon, dass die Ursachen gefunden und beseitigt werden müssten. Es klingt nach einem grimmigen Versprechen, nach Wahrheitssuche, nach Rettung – oder nach einer Drohung. Unter diesem Klang liegt ein Abgrund. Denn was bedeutet es, wenn Autismus nicht mehr als eine Form der menschlichen Artenvielfalt betrachtet wird, nicht mehr als natürliche Facette, sondern als Krise. Und als ein Problem, das aus der Welt geschafft werden soll.
Präsident Trump und sein Gesundheitsministerium erklärten öffentlich, dass Autismus „in den letzten Jahrzehnten explosionsartig gestiegen“ sei. In einem Kabinettstreffen wurde angekündigt, dass man bis Ende des Jahres die Ursachen kennen wolle. Bisher angenommen werden toxische Umweltfaktoren, Medikamente, Impfstoffe oder veränderte Lebensstile. Und das, was benannt und bekannt ist, könne man eliminieren, so die Logik dahinter. Doch dies bedeutet Gefahren auf mehreren Ebenen und die klingen gar nicht so „amazing“.
Die wissenschaftliche Gegenstimme
Längst nicht alle Expert:innen sind überzeugt, dass hier tatsächlich eine Epidemie im medizinischen Sinne vorliegt. Vielmehr handelt es sich um ein Zusammenspiel aus erweiterten Diagnosekriterien, einer gesteigerten Sensibilisierung in der Gesellschaft und einem besseren Zugang zu Diagnostik. Was in früheren Jahrzehnten unerkannt blieb oder vorschnell als „introvertiert“, „sonderbar“ oder „verhaltensauffällig“ abgetan wurde, wird heute genauer eingeordnet und häufiger erkannt. Auch die Definition von Autismus selbst hat sich verändert und der diagnostische Blick ist offener und breiter geworden. Dass die Zahlen steigen, sagt deshalb nicht zwangsläufig etwas über eine dramatische Zunahme an Betroffenen aus, sondern spiegelt oft nur die veränderte Aufmerksamkeit wider.
Trotzdem richtet sich der politische Blick nicht auf diese differenzierten Zusammenhänge, sondern auf mögliche äußere Ursachen. Medikamente wie Paracetamol geraten ins Visier, ebenso Impfstoffe, obwohl Studien bislang keine belastbare Evidenz für einen kausalen Zusammenhang geliefert haben. Die Gefahr liegt darin, Korrelation mit Kausalität zu verwechseln und dabei jene Unsicherheit auszunutzen, die in der Öffentlichkeit ohnehin schon vorhanden ist. Die vermeintliche Gefahr einer Epidemie lässt sich mit dem Viehtreiber „Panik“ einfacher verkaufen als die komplexe Wirklichkeit von Diagnostik, Genetik, Umwelt und gesellschaftlicher Wahrnehmung.
Die Folgen für die zukünftige Gesundheitsversorgung von Schwangeren
Doch die politische Rhetorik, in der hier gesprochen wird, ist nicht neutral. Sie formt auch Wirklichkeit und von einer „Epidemie“ zu reden, ist kein harmloser Akt. Es impliziert, dass Autismus wie ein Virus verstanden werden könne, das ausgerottet werden müsse. Wer so spricht, riskiert nicht nur Missverständnisse, sondern verschiebt die gesellschaftliche Wahrnehmung. Eltern könnten sich verantwortlich fühlen, als hätten sie etwas falsch gemacht. Und grade Mütter geraten auf besonders gemeine Art ins Zentrum der Schuldzuweisung.
Wenn Medikamente oder Impfungen in dieser Logik verdächtigt werden, untergräbt dies die medizinisch notwendige Grundversorgung von Schwangeren. Frauen könnten somit zukünftig gezwungen sein, Schmerzen, Infektionen oder Fieber auszuhalten, anstatt eine sichere Behandlung zu erhalten, schlichtweg aus Sorge, ihrem ungeborenen Kind zu schaden. Die Folge wäre kein Schutz, sondern eine Form von grober Vernachlässigung, die Gesundheit und Leben von Mutter und Kind gleichermaßen gefährdet. Die eigentlichen Bedürfnisse autistischer Menschen nach Unterstützung, Barrierefreiheit und Akzeptanz, treten in den Hintergrund und es bleibt eine qualmende Spur aus Verunsicherung und Angst.
Dabei ist Autismus keine Folge-Erkrankung, die man einfach verhindern könnte. Er ist ein Spektrum von Eigenarten und Besonderheiten. Wer verspricht, die Ursachen zu „eliminieren“, läuft Gefahr, die menschliche Komplexität auf eine falsche Formel zu reduzieren.
Wenn man selbst zur Krise wird
Für autistische Menschen selbst hallen solche Reden ebenfalls nach. Es drängen sich zwangsläufig Fragen auf, ob man demnach etwas sei, das verhindert werden muss. Ist man ein Problem, das gelöst werden muss. Solche Worte greifen tiefer, als man auf den ersten Blick ahnt und zeigen eine immense Rückwärtsbewegung, die sich von dem Bestreben nach mehr Akzeptanz und gesellschaftlicher Vielfalt deutlich entfernt.
Doch in all dem steckt vielleicht auch eine Chance. Je lauter diese Stimmen werden, desto stärker wird auch der Widerspruch. Wissenschaftler:innen fordern Transparenz und methodisch saubere Studien, die nicht voreilig und unbelegt Zusammenhänge behaupten. Betroffene und ihre Angehörigen melden sich zu Wort, um klarzumachen, dass sie nicht aus der Welt geschafft werden wollen, sondern in ihr einen Platz finden möchten. Und auch in der Gesellschaft wächst langsam die Erkenntnis, dass die Rede von einer Epidemie nicht nur ungenau ist, sondern auch verletzend.
„Das hat es früher nicht gegeben“
Autismus ist nicht neu. Er ist weder Mode noch Volkskrankheit. Er war nie eine plötzliche Erscheinung, sondern immer schon Teil des Menschseins. Neu ist nur die Aufmerksamkeit, die veränderte Sprache und die gesellschaftliche Bereitschaft hinzusehen. Wenn ein Präsident von einer Autismus-Epidemie spricht, dann offenbart das weniger über die Wirklichkeit von Autismus, als über die Ängste und Vorstellungen, die Politik und Hate-Speech erzeugen kann.
Autismus ist keine Krise, die ausgemerzt werden muss, sondern eine menschliche Realität, die verstanden und anerkannt gehört. Und vielleicht liegt genau dort das eigentliche Kernthema. Es gilt nicht Ursachen zu vernichten, sondern Verständnis zu vertiefen.