Zwischen Zumutung und Zugewinn

Im Arbeitsalltag bemerkt man schnell, was funktioniert, aber nicht unbedingt, was es kostet. Hinter jeder ruhigen Fassade kann ein unsichtbarer Kampf liegen, bei dem es darum geht, Reize auszuhalten, Kommunikation zu deuten und Erwartungen zu erfüllen. Unsichtbarkeit wird so zum Überlebensprinzip und manchmal auch zum Missverständnis. Besonders für autistische Menschen liegt in dieser Unsichtbarkeit eine paradoxe Dynamik. Je besser die Anpassung ans Außen gelingt, umso weniger wird sie gesehen und desto schneller entsteht der Eindruck, es gäbe gar nichts, das Rücksicht erfordert.
Zwischen Ordnung und Missverständnis

Es gibt Situationen, die von außen harmlos und banal wirken, aber im Inneren ganze Gräben aufreißen können. Ein kleiner Satz, ein kurzer Blick – und zack, plötzlich fühlt sich jemand kritisiert, verletzt oder vielleicht sogar zurückgewiesen. Dabei war nichts davon beabsichtigt. Es war nur ein Nachfragen, ein Nachordnen, ein Versuch, das eigene Bild der Wirklichkeit zu korrigieren und zu vervollständigen.
Für mich sind solche Momente vertraut und sie zeigen sich häufig in ganz alltäglichem Gewand. Man stelle sich vor, jemand stellt einen Teller Apfelkuchen auf den Tisch und statt eines Danks formt sich ein anderer Gedanke in Worte. Nämlich: „Oh. Ich dachte, es sollte Käsekuchen geben.“ Für das Gegenüber mag das wie Enttäuschung, Undankbarkeit oder fast wie ein Vorwurf klingen. Schließlich hat man immerhin überhaupt gebacken, sich Mühe gegeben und wollte Freude schenken. Doch im Kopf der autistischen Person passiert etwas gänzlich anderes. Es geht in keinster Weise um Kritik am Kuchen. Es geht um die Diskrepanz zwischen Erwartung und Realität, die sich wie ein kleiner Riss in der Ordnung anfühlt.
Die Rede von der „Autismus-Epidemie“

Wer aktuelle Nachrichten verfolgt, stolpert vielleicht früher oder später über eine bestimmte Schlagzeile aus den USA. Es sind Aussagen, die wie dunkle Gewitterwolken in der Luft hängen, irgendwie schwer und beunruhigend. Die Rede ist von einer angeblichen „Epidemie“ des Autismus und davon, dass die Ursachen gefunden und beseitigt werden müssten. Es klingt nach einem grimmigen Versprechen, nach Wahrheitssuche, nach Rettung – oder nach einer Drohung. Unter diesem Klang liegt ein Abgrund. Denn was bedeutet es, wenn Autismus nicht mehr als eine Form der menschlichen Artenvielfalt betrachtet wird, nicht mehr als natürliche Facette, sondern als Krise. Und als ein Problem, das aus der Welt geschafft werden soll.
Warum Ironie verletzender sein kann, als viele denken

Es gibt Sätze, die klingen sorglos und fast ein wenig verspielt. Sie werden mit einem lächelnden Tonfall gesagt, der Leichtigkeit verspricht und einem kleinen entwarnenden Augenzwinkern. Und doch hallen manche dieser Sätze lange nach. Sie haften im Gedächtnis wie feine Glassplitter, unsichtbar von außen, aber spürbar bei jeder Bewegung des Denkens. „Das war doch nur Spaß.“ Ein Satz, der glätten und entschärfen will und doch so oft das Gegenteil erreicht.
Kommunikation am Arbeitsplatz

Es heißt, Sprache sei Brücke. Doch für viele autistische Menschen ist sie oft eher ein reißender Fluss, dessen Strömung nicht berechenbar ist. Am Arbeitsplatz wird dieses Spannungsfeld besonders deutlich. Hier entscheidet Kommunikation nicht nur über das Verständnis, sondern auch über Zugehörigkeit, über den Eindruck von Kompetenz, über Aufstieg oder Ausschluss. Und hier treffen zwei Welten aufeinander. Die Erwartung einer mühelosen, beiläufigen Verständigung und die Erfahrung, dass jedes Gespräch ein unwegsames Gelände voller Unsicherheiten birgt.