Zwischen „Genie“
und „sozial unfähig“
Autismus im öffentlichen Bild: Klischees zwischen „Genie“ und „sozial unfähig“
Wenn man über Autismus spricht, dann spricht man selten über Autismus selbst, sondern fast immer über die Bilder, die andere davon gezeichnet haben. Bilder, die von Filmfiguren stammen, von vereinfachten Medienberichten, von Schlagzeilen über seltsame Tech-Giganten oder über tragische „Einzelfälle“. Es sind Karikaturen, die im kollektiven Bewusstsein zu festen Umrissen geworden sind. Es gibt das Bild des hochbegabten Mathematikers, der komplexe Formeln löst, aber kein simples Gespräch über das Wetter führen kann. Oder es gibt das Bild des verschlossenen Kindes, das hospitalisierend in einer Ecke sitzt und keinerlei Kontakt zu anderen sucht, außer vielleicht auf gewalttätige Art. Zwischen diesen Polen schwankt das öffentliche Bild. Und genau darin liegt das Problem.
Das Leben autistischer Menschen lässt sich weder auf brillante Genialität noch auf soziale Unfähigkeit reduzieren. Die Realität liegt in einer Vielfalt, die viel zu selten sichtbar wird, weil der große Paukenschlag ausbleibt. Autistische Menschen können ebenfalls Verkäufer:innen, Lehrer:innen, Pflegekräfte oder Eltern sein. Sie können genauso vielschichtig, widersprüchlich und lebendig sein wie alle anderen auch. Doch das Bild, das an die Oberfläche gespült wird, ist nach wie vor ein extrem verzerrtes. Und dieses verzerrte Bild prägt Erwartungen, beeinflusst Diagnosen und lässt Menschen jahrelang an sich selbst zweifeln, weil sie in keine dieser medialen Schablonen passen.
Die Dualität der Klischees – das Genie
Das Klischee „Genie“ klingt auf den ersten Blick recht schmeichelhaft, fast wie ein Kompliment. Doch in Wahrheit wirkt es wie eine Falle. Wer Autismus nur durch die Linse des Hochbegabten betrachtet, erwartet Außergewöhnliches, Überdurchschnittliches und fast Übermenschliches. Maßgeblich wurde dieses Klischee durch Serien und Filme geprägt, allen voran durch Figuren, die außergewöhnliche Fähigkeiten besitzen, sei es im Rechnen, in der Musik oder in theoretischer Physik. Besonders hervorzuheben sind hier wohl Sheldon Cooper, aber auch Raymond in „Rain Man“, der bis heute stellvertretend für Autismus herangezogen wird. Was hier gezeigt wird, ist nicht der Alltag autistischer Menschen, sondern eine Inselbegabung, das sogenannte Savant-Syndrom. Es ist eine seltene Besonderheit, die manche Autisten haben können, die aber keineswegs für die Mehrheit gilt. Dass dieses Bild so fest mit Autismus verknüpft wurde, liegt weniger an der Realität als an der filmischen Dramaturgie und dem Bedürfnis nach einem Protagonisten, der außergewöhnlich und faszinierend wirkt. In Wahrheit ist Autismus nicht gleichbedeutend mit Genialität. Das eigentliche „Besondere“ könnte auch einfach nur darin liegen, dass ein autistischer Mensch mit ungewöhnlicher Genauigkeit und Beständigkeit Alltägliches wahrnimmt, Muster erkennt oder Abläufe durchschaut. Dies jedoch nicht in einer spektakulären Ausprägung, sondern in einer stillen und recht unscheinbaren Tiefe. Aber das taugt vermutlich nicht ganz für den nächsten Blockbuster. Das öffentliche Bild setzt also Maßstäbe, die viele nicht erfüllen können und die an der eigentlichen Vielfalt vorbeigehen.
Die Dualität der Klischees – soziale Inkompetenz
Das zweite Bild der „sozial unfähigen“ Person ist auch nicht besser oder minder verletzend. Es reduziert Autismus auf eine Leerstelle. Es übersieht, dass Kommunikation, Nähe und Gemeinschaft in autistischen Leben selbstverständlich vorkommen, wenn auch vielleicht auf etwas anderen Wegen und in anderen Ausdrucksformen. Wer Autisten ausschließlich als isoliert und unfähig beschreibt, negiert nicht nur ihre Beziehungsfähigkeit, sondern auch die alltäglichen Kämpfe, die sie führen, um in einer neuronormierten lauten Gesellschaft nicht unterzugehen. Dieses Bild wirkt wie ein unsichtbarer Stempel, der besagt „nicht belastbar, nicht teamfähig, nicht sozial kompatibel, defizitär,“.
Beide Bilder wirken wie Pole eines Spektrums, das so viel schmaler ist als das wirkliche, in dem sich autistische Menschen bewegen. Und beides sind Klischees, die in erster Linie für Außenstehende geschaffen wurden, um etwas vermeintlich „Fremdes“ greifbar zu machen. Sie haben nichts damit zu tun, wie Autistinnen und Autisten sich selbst erleben. Sie sind kulturelle Spiegel, die mehr über die Sehnsüchte und Ängste der Mehrheitsgesellschaft verraten als über die Realität autistischen Lebens.
In dieser Verengung liegt auch eine strukturelle Gefahr
Wer nur das Genie sieht, übersieht die Bedürfnisse. Wer nur das Defizit sieht, übersieht die Ressourcen. Diagnosen werden verzögert, Unterstützung verweigert und Chancen vertan. Menschen werden auf ein Bild reduziert, das nie für sie selbst, sondern immer für die anderen gezeichnet wurde.
Es wäre an der Zeit, dieses doppelte Zerrbild zu durchbrechen. Autismus nicht länger als Geschichte über faszinierende Abweichung oder als tragisches Versagen zu erzählen, sondern einfach als eine von vielen möglichen Weisen, Mensch zu sein. Autismus existiert nicht als Gegensatz zur Normalität, sondern als Teil von ihr. Dazu gehört, auch Geschichten sichtbar zu machen, die jenseits der Extreme liegen und vielleicht einfach nur von alltäglicher Arbeit, von Freundschaften, von Kämpfen und Erfolgen berichten, die allesamt nicht spektakulär sein müssen, um wertvoll zu sein.
Es sind Geschichten, die nicht nach Helden oder Tragödien suchen, sondern nach Vielfalt. Und wie wunderbar wäre, wenn autistische Menschen begännen, sie selbst zu erzählen..