Das Telefon und der Eiertanz

Ein gutes Gespräch ähnelt manchmal ein bisschen einem Paartanz. Sowas wie ein Walzer vielleicht – bei dem Worte und Gesten ineinandergreifen, Bewegungen fließend sind, man sich harmonisch im Gleichklang wiegt. Man spürt den Rhythmus des anderen, passt sich an, gleitet vor und zurück.

Und dann – Bühne frei. Klingelt das Telefon.

Plötzlich ist da kein Tanz mehr. Es ist unkoordiniertes Stakkato, die eigene Grobmotorik bestenfalls dazu geeignet, unfallfrei eine Wassermelone zu tragen. Kein Takt, kein Blick, kein Lächeln, das den nächsten Schritt anzeigt. Stattdessen stolpernde Einsätze, harte Brüche, ein Tanz, bei dem jeder für sich auf einer anderen Bühne steht, man sich aber dennoch gegenseitig auf die Füße tritt.

Am Telefon fehlt die Choreografie. Man sieht sein Gegenüber nicht, kann nicht deuten, ob das Schweigen Zustimmung oder Irritation bedeutet. Man spricht – und hört erst danach die Reaktion. Aber dann ist es schon zu spät, um sacht und unauffällig die Richtung zu ändern.
Der Subtext bleibt ohne weiteren Anhaltspunkt diffus. 

Die Reihenfolge der Sprechzeit wird zum Stolperstein: Wer führt? Wer folgt? Unterbricht man, wirkt man ruppig, ungeduldig, unkontrolliert. Wartet man zu lange, verpasst man seinen Einsatz. Und so hastet man im Zickzack zwischen Überfall und Sprachlosigkeit, immer ein wenig aus dem Takt.

Über alledem schwebt: das Klingeln selbst.
Ein akustisches Alarmsignal, das auf Schreckhaftigkeit und Reizfilterschwäche keine Rücksicht nimmt.
Es ist kein höfliches Antippen auf der Schulter, kein gedämpftes „Sorry, hast Du kurz Zeit?“.
Es ist ein Befehlston. Laut. Unerwartet. Fordernd.

Und noch bevor man weiß, wer am anderen Ende wartet,
zittert schon das Räuspern über die Stimmbänder. „Klingt meine Stimme „normal“? Hört man das Lächeln? Hat der andere wirklich verstanden, was ich sagen will? Ich wiederhole es zur Sicherheit lieber noch drei mal. Habe ich mich verhaspelt? Warum rede ich überhaupt so wirr? Ist das wirklich meine Stimme?“

Es ist, als würde man sprechen, Regie führen, Untertitel tippen, sich selbst beobachten, im gedanklichen Musterarchiv nach Schnittmengen von „Intonationen, die man mal gehört hat“ suchen – und gleichzeitig als Contestant beim Ugly Dance World Cup auftreten.

Aber man ist nicht gänzlich hilflos ausgeliefert. Auch nicht Job.