Internalisiertes Schweigen

Über Ableismus im eigenen Kopf

Es gibt eine merkwürdige Diskrepanz, die vielen Menschen mit Behinderungen vertraut ist. Man lebt mit Einschränkungen, die den Alltag bestimmen, manchmal sogar unübersehbar und dennoch liegt der erste Zweifel fast immer bei einem selbst. Nicht bei der Umwelt, die Barrieren baut, sondern bei der eigenen Legitimität, überhaupt Schwierigkeiten haben zu dürfen. 

Ableismus bezeichnet im gesellschaftlichen Kontext die Erwartung, dass nur der „voll funktionierende“ Körper und das „reibungslos arbeitende“ Gehirn wertvoll sind und hiervon abweichende Menschen ausschließt, abwertet oder diskriminiert.  Alles jenseits der „Norm“ gilt als defizitäre Randerscheinungen. Internalisiert bedeutet, dass diese Normen so tief ins eigene Denken eingesickert sind, dass man sie unbemerkt weiterträgt und sogar auf sich selbst anwendet. Man wird der strengste Hüter der eigenen Anpassung, manchmal noch lange bevor jemand von außen Kritik überhaupt geäußert hat.

Das Resultat ist eine innere Zersetzung

Häufig ist man selbst die Person, die die eigenen Fähigkeiten ständig infrage stellt. Man überfordert sich, weil man beweisen will, dass die Behinderung nicht nur keine Grenze darstellt, sondern schlichtweg gar nicht erst existiert. Man spürt einen beständigen Druck, die eigene Andersartigkeit zu überwinden oder wenigstens für das Außen unsichtbar zu machen. Scham und Selbstzweifel nisten sich ein, sobald man Unterstützung braucht. Der Leistungsdruck wächst, weil man sich selbst nur dann eine Daseinsberechtigung zugesteht, wenn man mehr leistet als alle anderen. Unbewusst übernimmt man ableistische Muster, selbst wenn man Diskriminierung und Behindertenfeindlichkeit gegenüber anderen zutiefst ablehnt. Doch sich selbst gegenüber ist man der schärfste Kritiker. Man redet die eigenen Einschränkungen klein, vergleicht sich mit „schwerer Betroffenen“, verweigert sich Hilfen oder geht immer wieder über die eigenen Grenzen hinaus, um nach außen möglichst „normal“ zu wirken.

Im Alltag zeigt sich dieses Muster in vielen Facetten. Wenn eine Hilfestellung angeboten wird, folgt häufig der Impuls, diese abzulehnen, weil man sie nicht bräuchte. Wenn Überlastung einen ausbrennt und eine AU-Auszeit dringend nötig wäre, folgt die innere Rüge, man sei doch nicht krank. Und immer wieder gibt es da eine stille Hoffnung. Wenn ich mich nur stark genug zusammenreiße, mich perfekt anpasse, mich noch ein bisschen mehr anstrenge, verschwindet das Problem vielleicht auch von ganz allein. Fake it till you make it.

Die Entstehung vom eigenen Kritiker

Warum dieses Muster so tief sitzt, lässt sich nur verstehen, wenn man den Ursprung betrachtet. Die meisten von uns wachsen in einem ableistischen System auf, in dem Behinderung als Makel gilt. Als etwas zutiefst beunruhigendes, irritierendes und tragisches. Wer mit dieser Prägung sozialisiert wird, übernimmt unweigerlich die Bilder und Zuschreibungen. Hinzu kommen direkte Erfahrungen mit äußerem Ableismus, den man unter Umständen erst spät (wenn überhaupt) als solchen erkennt. Es sind die unterschwelligen Konflikte, die entstehen, wenn man zu viele inhaltliche Rückfragen stellt und das Gegenüber dies als Konfrontation oder Querulanz deutet. Es ist die Verärgerung, wenn man um Ruhe bittet, weil die Geräuschkulisse zu viel ist. Es ist die Vorwurfshaltung, weil man bestimmte Aufgaben nicht geschafft hat und dies als Faulheit, mangelnde Willenskraft oder mentale Schwäche interpretiert wird. Oder das Anzweifeln der Validität der eigenen Diagnose als „Mode-Erscheinung“, weil man ja auch gar nicht so autistisch wirkt – manchmal sogar von psychotherapeutischem Fachpersonal selbst. All das nagt nicht nur am Selbstwert, sondern auch am Vertrauen in die eigene Wahrnehmung. Und so bestätigt sich immer wieder die innere Stimme, bis man beginnt, sie für Wahrheit zu halten.

Diese Logik ist ambivalent. Einerseits dient sie durchaus als Schutzmechanismus, denn wer die Normen verinnerlicht, kann sich in sie einfügen und damit Zugehörigkeit sichern. Andererseits gleicht sie aber auch einer stillen Selbstverletzung, weil man sich selbst die Erlaubnis entzieht, die eigenen Grenzen zu achten. Man verleugnet die Signale des eigenen Körpers und übergeht die Bedürfnisse der eigenen Wahrnehmung, bis Erschöpfung und Zusammenbrüche unvermeidlich werden.

Die Folgen sind gravierend

Diagnosen verzögern sich, weil man nicht „behindert genug“ wirkt. Hilfen oder ein GdB werden nicht beantragt, weil man glaubt, sie nicht verdient zu haben. Oder sie werden abgelehnt, weil die Ämter dies glauben. Freundschaften und Beziehungen leiden, weil man lieber schweigt, als um Mithilfe, Rücksicht oder Abstand zu bitten. Und mitten in all dem wächst das Gefühl, immer ein Betrüger zu sein, der sich in eine Kategorie hineindrängt, die ihm gar nicht zusteht.

Doch diese innere Stimme ist nicht die eigene. Sie ist ein Echo der Gesellschaft, die lange Zeit Behinderung vor allem als Fehler verstanden hat. Die Abwertung gehört nicht zu einem selbst, sie wurde gelernt. Und was gelernt wurde, kann auch wieder verlernt werden.

Es ist ein langsames Gegenlernen. Ein bewusstes Wahrnehmen der eigenen inneren Stimme. Ein Erkennen, dass der Zweifel nicht aus einem selbst stammt, sondern übernommen wurde. Es ist ein sich erlauben, Grenzen zu benennen und Hilfen anzunehmen, ohne sich dafür entschuldigen oder rechtfertigen zu müssen. Selbstannahme besteht nicht unbedingt darin, sich laut nach außen zu bekennen. Es kann auch der stille Widerstand sein, die eigene Realität nicht länger kleinzureden, sich selbst ernst zu nehmen und die eigenen Bedürfnisse nicht gegen die Norm, sondern für sich selbst zu verteidigen.  

Es ist weder Verrat noch Schwäche, auf sich selbst Rücksicht zu nehmen. Sondern Mut, sagen zu können:  Ja, ich brauche Hilfe. Ja, es kostet mich Kraft. Ja, ich darf mich ausruhen. Auch wenn die Norm eine andere ist.