Produktivität

Ein Hamsterrad mit Glaswänden

In den Räumlichkeiten eines Optikers sitzen Menschen und warten. Es ist eine kleine Bühne: Gestelle, Leuchten, das leise Murmeln eines Verkaufsgesprächs. Und doch entzieht sich der Raum seiner eigenen Ruhe, denn vom Nebentisch schwappt eine andere Welt herüber. Es ist ein Handy in der Hand, eine Stimme, die in ein unsichtbares Meeting spricht, ein Ohrstöpsel, der signalisiert „ich bin da, aber nicht ganz“. Es ist eine Symbiose von Arbeit und Privatleben, die man nur aus dem modernen Zeitalter kennt.

Waren es früher noch Anzug, Seitenscheitel, Aktentasche oder das Firmenhandy, was einer Auszeichnung an Wichtigkeit gleichkam, sind es heute Headsets, geteilte Bildschirme und die Fähigkeit, im Nebel von Parallelaktivitäten nicht den Faden zu verlieren. Produktivität ist längst nicht mehr nur ein Mittel zum Zweck, sie ist zu einem Statussymbol geworden. Plötzlich fühlt sich „nur eine Sache tun“ fast wie Stillstand an. Pausen werden verdächtig, mangelnde Verfügbarkeit muss gerechtfertigt werden. Gespräche und Meetings sickern mehr und mehr in den öffentlichen Raum.  Das Hamsterrad bekommt Glaswände. Wir alle sehen, wie schnell die anderen rennen und treten automatisch selbst aufs Gas. Früher musste man ins Büro, um sich im Rad zu drehen. Heute tragen wir es wie ein transparentes Terrarium mit uns herum. 

Es gilt als Auszeichnung, „zu beschäftigt fürs Leben“ zu sein

Die erste Dienstbesprechung beginnt schon im Stau auf dem Arbeitsweg.
E-Mails zur besten Nachtschlafzeit, an Urlaubstagen, im Krankenstand? Ein Zeichen von Einsatz.
Der freie Tag, der dann doch im Homeoffice verbracht wird? Ein Beweis für Leidenschaft.
Diese Art von Produktivitätskultur belohnt nicht die Qualität oder die tatsächliche Leistung, sondern die Dauer. Nicht das Ergebnis, sondern den menschlichen Verschleiß, der folgerichtig irgendwann im psychotherapeutischen Wartezimmer endet. Eigentlich ist es fast schon absurd. Wir wissen um die gesundheitlichen Folgen von Dauerstress, wir kennen Begriffe wie „Work-Life-Balance“ oder „Mental Health“. Begrifflichkeiten, die unabhängig der neurologischen Vielfalt jeden betreffen. Trotzdem klammert man sich an Geschäftigkeit, als wäre Leerlauf irgendwie unverschämt.

Für viele wirkt das wie Leistung. Mehrere Aktivitäten gleichzeitig navigieren, immer verfügbar, immer präsent. Das Meeting läuft weiter, ein Leben auch. Beides gleichzeitig, aber keines wirklich. Ein Zustand zerrissen zwischen den Welten, ein Bein im Büro und eines in der eigenen Gesundheitsfürsorge. „Produktiv“ ist das neue Prädikat; Anzeigen von Geschäftigkeit sind Ausweis von Bedeutung. Doch für Menschen im Autismus-Spektrum liest sich diese Szene vielleicht etwas anders. Nicht als Heldentat, sondern als Fortsetzung einer Logik, die überwiegend verwirrend ist. Es ist eine Logik der ständigen Sichtbarkeit, der Belohnung durch Präsenz, des Wertmessens anhand von Dauer anstatt von Tiefe.

Der Unterschied ist nicht nur ein kosmetischer

Wer sensibel auf Reize reagiert, für wen Gespräche wie ein Kanal voller Impulse sind, wer beim kleinsten Klingeln kurz in Panik gerät oder das Herz flattert, hat ein anderes Verständnis von Energie. Verfügbarkeit ist nicht nur eine Option, sondern auch Belastung. Und doch wird genau dieser Zustand zunehmend zur sozialen Erwartung erhoben. Für jemanden, dessen Nervensystem schon durch den normalen Alltag strapaziert ist, bedeutet dies, ständig Ressourcen aufzubrauchen, die später fehlen werden.

Es geht nicht darum, produktive Arbeit per se zu verteufeln. Es geht darum, wie Produktivität heute verstanden wird und vor allem, wer sie zeigt und wie sie gemessen wird. Authentizität, Energiehaushalt, Selbstschutz. Maskierung hat nicht nur psychische Kosten, sondern auch einen hohen Preis in Form von kognitiver und emotionaler Energie. Wer andauernd so tut, als ließe sich jede Störung lässig wegwischen, nagt an diesem Vorrat.

Die Frage sollte doch nicht sein, wer lauter, schneller, sichtbarer arbeitet, sondern wer es sinnvoll und effektiv tut. 

Die Frage nach Würde

Und noch etwas drängt sich für mich ins Sichtfeld. Die beschriebene Optiker-Szene ist tatsächlich passiert und löste bei mir eine gewisse Faszination aus. Sie zeigt auch, wie sehr soziale Anerkennung an das Vermögen gekoppelt ist, in einem bestimmten Modus funktionieren zu können. Und ganz unter uns – mir ist dieser Modus sehr fremd. Aber Anerkennung darf nicht davon abhängen, wie viel jemand leistet, wie lange man sichtbar bleibt oder wie viele Geschehnisse gleichzeitig jongliert werden können. Für eine gesunde Sicht auf Arbeit sind vielleicht andere Maßstäbe nötig und zwar nicht nur aus autistischem Blickwinkel, sondern jedem. Tiefe statt Dauer, Vorhersehbarkeit statt Überraschung, Abschirmung statt Dauerpräsenz.

Wie navigiert man das eigene Bedürfnis nach Schutz neben der externen Erwartung nach Sichtbarkeit. Man übt nicht, um zu gefallen, sondern um Energie zu sparen und etwas wesentliches zurückzugewinnen. Entscheidungsraum. Das Ziel ist kein Rückzug in Passivität. Es ist die Rückeroberung von Handlungsfähigkeit, aber zu eigenen Bedingungen. Die Möglichkeit, sich sichtbar zu machen, aber nicht ausgebreitet und ausgelaugt. Es ist die Akzeptanz, dass Menschen unterschiedlich funktionieren, und dass Produktivität nicht eindimensional sein darf.

Es geht nicht darum, Aufgaben zu ignorieren, sondern es ist eher eine Einladung, die Regeln neu zu denken. Und die vielleicht wichtigste Frage zu beleuchten: Was ist es wirklich wert, Deine eh schon begrenzte Energie zu erhalten?