Routinen - zwischen
Sicherheit und Zwang
Über Halt, Enge und den feinen Riss im Gewohnten
Für Menschen im Spektrum sind Routinen häufig kein beiläufiges Beiwerk des Alltags. Es ist kein dekoratives Gerüst, das man nach Belieben austauschen oder verwerfen könnte, wie es sich grade anbietet. Sie sind die unsichtbaren Schienen, auf denen sich ein Tag bewegt. Dort, wo für andere Spontanität ein reizvoller Freiraum existiert, lauert für uns das Unberechenbare. Routinen glätten dieses Feld. Sie verwandeln eine Welt voller Zufälle in eine Welt voller Wiederholungen. Und in diesen Wiederholungen liegt der Trost.
Ein gewohnter Ablauf reduziert Entscheidungen. Er nimmt das ständige Neuabwägen und erlaubt, Energie zu sparen, die vermutlich dringend anderorts gebraucht wird. Häufige Energiefresser sind das Filtern von Reizen, das Navigieren sozialer Erwartungen oder auch einfach nur die simple Existenz in einer Welt, die nie stillsteht. Routine ist nicht nur ein Trick aus dem Zeitmanagement. Sie ist Regulation, Schutzschild und Rettungsring. Sie ist das leise, verlässliche Ticken einer inneren Uhr, die im Hintergrund Ordnung hält, während draußen das Chaos tobt.
Doch auch dieser Halt hat seine Schattenseite
Das was trägt, kann auch beginnen zu drängen und zu beengen. Routinen, die eigentlich Sicherheit schenken, können in Starrheit kippen. Ein Ablauf, der Entlastung schenkt, kann sich verhärten, bis jeder Schritt zum Zwang wird. Das vertraute Ritual, Gewohnheiten zur immergleichen Zeit, eingetretene Pfade immergleicher Wegstrecken, die wiederkehrende Abfolge von immergleichen Handgriffen. All dies ähnelt auch einem Korsett, das jede Abweichung bestraft, sollte sie noch so klein sein. Wehe dem in direkter Nähe, wenn unerwartet eine Straßensperrung den üblichen Weg blockiert oder ein vertrautes Lebensmittel im Supermarkt ausverkauft ist. Was für andere ein lapidarer, kleiner Umstand ist, kann für Autist:innen eine Erschütterung im Fundament bedeuten.
Es geht ganz sicher nicht um Bequemlichkeit, die einem der innere Autopilot schenkt. Es geht um das Bedürfnis nach Vorhersehbarkeit in einer Welt, die allzu oft unverständlich und widersprüchlich wirkt. Routinen sind kein nice-to-have, sondern Notwendigkeit. Und wenn sie plötzlich wegbrechen, bricht nicht nur eine Handlungskette ab, sondern auch eine fragile Form von Sicherheit. Die innere Landkarte verliert ihre Markierungen und was bleibt, ist erst einmal Orientierungslosigkeit.
Wie also umgehen mit Brüchen, die sich nicht vermeiden lassen?
Es wäre eine Illusion zu glauben, dass sich jeder Ablauf gegen das Unberechenbare absichern ließe. Das Leben passiert und doch gibt es Möglichkeiten, die Erschütterung vielleicht etwas abzufedern. Es sind z.B. die Ersatzwege, die nicht erst im Ernstfall erprobt werden, sondern die man vorher schon mal in guten Momenten abfährt, um sie bei Bedarf parat zu haben. Es sind kleine Rituale, die transportabel sind, z.B. ein vertrauter Gegenstand in der Jackentasche, den man festhalten kann oder ein bestimmter Geruch, der Sicherheit vermittelt. Vielleicht hilft auch ein inneres Narrativ, das den Bruch in der Routine nicht als Kontrollverlust markiert, sondern als ganz selbstverständlichen „Plan B“. Vielleicht gelingt ein Wechsel zwischen mehreren gleichwertigen Ritualen, die sich alle vertraut anfühlen. Das sind keine Lösungen, die Unberechenbares grundsätzlich verhindern könnten, aber vielleicht halten sie einen Faden fest, wenn das Gewebe selbst reißt.