Warum Freundschaften so
herausfordernd sein können
Die Sehnsucht nach Verbindung
Freundschaft als unsichtbares Geflecht aus Nähe, Vertrauen und gemeinsam erlebter Zeit, wird in vielen Leben fast selbstverständlich gesponnen. Für Menschen im Spektrum bleibt es oft ein Gewebe, das sich nur schwer greifen lässt, weil die Fäden in einem Muster verlaufen, das der eigenen Wahrnehmung nicht immer entspricht.
Lange Zeit war die Forschung von einem Paradigma geprägt, das Menschen im Spektrum pauschal Empathielosigkeit zuschrieb. Noch bis in die 1990er Jahre hinein galt der Satz, Autismus sei gekennzeichnet durch einen „Mangel an Empathie“ (Simon Baron-Cohen, 1995), beinahe als unangefochten. Doch selbst wenn man mancherorts auch heute noch dieser Annahme begegnet, so hat sie sich laut neueren Studien als irreführend erwiesen. Autist:innen sind nicht weniger zu Empathie fähig , sondern häufig in anderen Dimensionen sensibel. Grade kognitiv ist die Empathie manchmal weniger auf die schnelle Deutung nonverbaler Signale ausgerichtet, dafür emotional aber oft besonders tief und besonders durchlässig für das Empfinden anderer. Die moderne Forschung spricht deshalb nicht mehr von einem grundsätzlichen Fehlen der Empathie, sondern von Asynchronität. Sie schwingt in einem anderen Takt und zeigt sich auf einer anderen Übersetzungsebene.
Eng damit verbunden ist das Konzept der Theory of Mind: die Fähigkeit, sich in die Gedanken, Absichten und Gefühle anderer hineinzuversetzen. Studien zeigen, dass viele Autist:innen diese Fähigkeit nicht grundsätzlich entbehren, sondern dass sie schwerer zugänglich ist, besonders in Echtzeit-Interaktionen. Das bedeutet, wenn im Gespräch Blicke, Gesten und Worte gleichzeitig gelesen und gedeutet werden müssen, kann die Verarbeitung ins Stocken geraten. Es braucht bewusste, manchmal mühsame kognitive Arbeit, um zu verstehen, „was der andere wohl denkt“. Für Freundschaften heißt das, dass das leichte, intuitive Mitschwingen im Takt des Gegenübers gegebenenfalls ausbleiben kann. An seine Stelle tritt Anstrengung und die bleibt oft unsichtbar.
Theorie vs. alltägliches Erleben
Wer wiederholt spürt, dass Missverständnisse entstehen, obwohl das innere Erleben eigentlich zutiefst empathisch ist, beginnt, an sich selbst zu zweifeln. So entstehen Risse im Selbstbild, genährt durch alte Narrative aus der Kindheit, dass man zu empfindlich sei oder etwas nicht mit einem stimmen würde. Narrative, die nicht selten wie ein Schatten auf den späteren Versuch fallen, tragfähige Freundschaften aufzubauen.
Die Autismusforschung zeigt seit Jahrzehnten, dass nicht mangelndes Interesse an Nähe die größte Hürde ist und es auch nicht am vermeintlichen Defizit „auf Seiten der Autist:innen“ liegt, sondern es ist vielmehr ein gegenseitiges Nicht-Verstehen. Was für ein revolutionärer Gedanke.
Hauptsächlich wird das gegenseitige Nicht-Verstehen durch die Diskrepanz zwischen unterschiedlichen Kommunikations- und Wahrnehmungsstilen verursacht. Das sogenannte „Double Empathy Problem“ beschreibt genau diese Bruchstelle und erkennt an, dass auch neurotypische Menschen nicht geübt darin sind, den Kommunikationsstil autistischer Menschen zu lesen. Freundschaften scheitern also nicht am Defizit des Menschen im Spektrum, sondern am Zusammenprall zweier unterschiedlicher Systeme, die selten beide als gleichwertig anerkannt werden.
Für Freundschaften kann dies bedeuten, dass schon die ersten Andeutungen von Sympathie eventuell ins Rutschen geraten. Neurotypische Interaktion ist stark von nonverbalen Signalen getragen, wozu Blickkontakt, Mimik, Tonfall, kleine Gesten der Synchronisierung und des sich gegenseitig Spiegelns gehören. Wer hier von Natur aus anders wahrnimmt, betritt ein Spielfeld mit unbekannten Regeln. Studien belegen, dass Autist:innen häufig weniger intuitiv auf solche Signale reagieren oder sie anders deuten. Nicht aus Desinteresse, sondern weil die Wahrnehmung schlicht anders arbeitet.
Dies kann bedeuten, dass Freundschaften oft in einer Art Schwebe stehen. Auf der einen Seite steht die tiefe Sehnsucht nach Nähe, nach geteilten Interessen und nach Verlässlichkeit. Auf der anderen Seite steht aber auch die Erfahrung, dass genau diese Sehnsucht nur allzu oft von Missverständnissen unterlaufen wird. Dass man zu viel sei oder zu wenig. Zu intensiv oder zu distanziert. Der Takt der Freundschaft wird immer wieder zur Prüfung, bis er irgendwann verstummt.
Die Krux mit der sozialen Batterie
Zu den eh schon herausfordernden Umständen kommt die Erschöpfung, die soziale Begegnungen fast unvermeidlich begleiten. Selbst nette Kontakte verlangen ein gewisses Maß an Konzentration, an bewusstem Lesen und Steuern. Daraus folgt, dass eventuell für manche Stunden oder Tage nach einem Treffen benötigt werden, um die Reizüberflutung abzubauen. Selbst wenn sie schön waren. Freundschaften werden dadurch zu einer Art Gratwanderung zwischen dem Bedürfnis nach Verbindung und der Notwendigkeit nach Rückzug.
Besonders schwierig gestaltet sich, dass dieses Spannungsfeld oft nicht von außen erkennbar ist. Viele entwickeln schon früh Strategien der Anpassung und des Maskierens. Lächeln, nicken, Blickkontakt halten, sich über Kleinigkeiten austauschen, alles eben so, wie es im täglichen Miteinander erwartet wird. Doch hinter der Maske sammelt sich Müdigkeit und oft auch eine leise Entfremdung vom eigenen Selbst. Freundschaften, die eigentlich Leichtigkeit schenken sollten, können dadurch in eine paradoxe Schwere kippen. Das, was Verbindung sichern soll, kostet Kraft.
Studien weisen darauf hin, dass Autist:innen häufiger von abgebrochenen oder instabilen Freundschaften berichten. Nicht, weil ihnen Loyalität oder Bindungswille fehlen würden. Hier scheint eher das Gegenteil zuzutreffen und häufig wird Treue und Verbindlichkeit geradezu radikal ernst genommen. Vielmehr sind es die ungeschriebenen sozialen Skripte, die Erwartung von spontaner Kontaktaufnahme, von „mal eben vorbeischauen“ und von flexibel sein. Also alles Dinge, die für viele im Spektrum überfordernd wirken. So entstehen Missverständnisse, denn wer sich zurückzieht oder schweigt, gilt als desinteressiert. Wer absagt, als unzuverlässig. Mir wurde einmal aus Enttäuschung gesagt, ich hätte scheinbar ein Problem mit Verbindlichkeiten. Aber das schießt gänzlich am Kern vorbei. Es steckt keine Gleichgültigkeit dahinter, sondern vielmehr ein Schutz der eigenen Kräfte.
Und doch gibt es Hoffnung
Dort, wo gegenseitiges Verständnis wirklich gelingt, entstehen Verbindungen von besonderer Intensität, davon bin ich überzeugt. Freundschaft ist kein beiläufiges Nebenprodukt des Alltags, kein sozialer Automatismus, sondern eine bewusste Entscheidung. Sie wächst nicht aus oberflächlicher Synchronisation, sondern aus dem Ernst, das Gegenüber wirklich wahrzunehmen. Auch über Stille hinweg und auch jenseits von Blicken oder Gesten. Freundschaften können zu wertvollen Verbindungen wachsen, die von einer Tiefe getragen werden, die man anderswo vergeblich sucht. Gespräche, die nicht im Smalltalk versanden, sondern ins Detail gehen dürfen, schaffen ungeahnte Welten aus geteiltem Wissen.
Es scheint also weniger das Fehlen von Freundschaftsfähigkeit, sondern eher die Andersartigkeit ihrer Bedingungen zu sein. Freundschaft ist für Menschen im Spektrum nicht ausgeschlossen, aber sie ist anders getaktet, wird anders empfunden und oft mit einer Ambivalenz aus Sehnsucht und Erschöpfung begleitet.